Kreuzberger Schichten

Kreuzberger Schichten

Hörspaziergang

Ausgestattet mit Aufnahmegeräten, erforschen Schüler der Hector-Peterson-Oberschule auch in diesem Jahr wieder die Geschichten ihrer Familien. Mit der Hilfe unserer Sound-Kollegen Julia Illmer und Massimo Maio lernen sie, Interviews zu führen, aufzunehmen und mit einem Schnittprogramm zu bearbeiten. Bei den Interviews mit Familienangehörigen zu deren früherer Heimat sammeln die Teilnehmer alte Anekdoten und spannende Geschichten. Warum hat sich die Mutter damals eigentlich auf den Weg nach Deutschland gemacht und welche Streiche hat der Bruder den Lehrern in der Schule gespielt?

Konzept und Realisation: Julia Illmer und Massimo Maio

Bereits seid dem Jahr 2014 findet das Projekt Kreuzberger Schichten statt – umgesetzt von einem Bündnis aus den Berliner Einrichtungen Expedition Metropolis e.V., Knüpfwerk e.V. und Hector-Peterson-Oberschule. Das Bündnis ermöglicht bildungsbenachteiligten Jugendlichen, sich auf mediale und ästhetische Weise mit ihren Familiengeschichten auseinanderzusetzen und plant auch für die nächsten Jahre weitere Projekte in Kreuzberg.

2017 wurde das Projekt Kreuzberger Schichten mit dem Medienpreis von "MeinLand – Zeit für Zukunft" in der Kategorie Partizipation ausgezeichnet.

Mehr Infos zur Preisverleihung:
http://www.tgd.de/2017/09/12/abschlussveranstaltung-ml-08-09-17-teil-ii-die-gala/

Für den Einspieler der Preisverleihung hier klicken.

Blog zum Zyklus 2017

Tag 1 // Dienstag, den 24.10.2017
geschrieben von Julia Illmer

Was hört man mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn man durch Kreuzberg läuft, fragen wir und bekommen viele Antworten: Vogelgezwitscher, Musik aus einem Auto, die U-Bahn ... Tatsächlich hören wir fast alle Geräusche als wir von der Hector-Peterson-Schule entlang des Landwehrkanals zu unserem Projektraum bei Expedition Metropolis laufen. Dabei hören wir nicht nur Umgebungsgeräusche, sondern auch Musik, ein Interview und eine OKM-Aufnahme mit Kopfhörern. Wir achten darauf, wie das Hören unsere Wahrnehmung verändert.
Später zeigen wir uns auf Google Maps, wo auf der Welt unsere Familienwurzeln liegen. Der Ort, der am weitesten weg ist, ist Brikama – die zweitgrößte Stadt Gambias.

Tag 2 // Mittwoch, den 25.10.2017
geschrieben von Massimo Maio
 
Was unterscheidet ein gutes Interview von einem schlechten? Den ganzen Vormittag haben wir dazu Übungen gemacht und uns Beispiele angehört. Bis sich alle einig waren: Gute Interviews entstehen dann, wenn wir neugierig sind und immer wieder nachfragen. So können sich persönliche und spannende Geschichten entwickeln.
 
Zur Vorbereitung auf die ersten Interviews in der Familie haben wir uns anschließend dutzende Fragen ausgedacht. Warst du früher in der Schule beliebt? Was war das schlimmste, was du in deinem Leben erlebt hast? Wieso hast du Mama geheiratet?
 
Die Fragen sind notiert, die Mikrofone sind vorbereitet. Die ersten Geschichten können kommen!

Tag 3 // Donnerstag, den 26.10.2017
geschrieben von Julia Illmer

Das erste Interview ist da! Nico hat seine Mutter interviewt. Hier ein kleiner Auszug:
 
Nico: Was ist dir am wichtigsten im Leben?
Mutter: Meine Kinder.
Nico: Und was noch?
Mutter: Lange Zeit nichts – und dann: mein Auto.
 
Das gemeinsame Hören inspiriert uns, am Vormittag weitere Interviewfragen zu entwickeln. Am Nachmittag befragen wir uns gegenseitig zu dem Ort, an dem wir leben und unserem Bezug zu den Wurzeln unserer Familien.

Tag 4 // Freitag, den 27.10.2017
geschrieben von Massimo Maio
 
Heute morgen waren alle still, als wir das Interview von Ayat mit ihrem Vater gehört haben. Er hat erzählt, wie sein Schulunterricht im Irak ständig von Bomben unterbrochen worden ist. Er ist geflohen, als Jugendlicher 200km zu Fuß durch die Wüste bis in den Iran. Aufgefallen ist uns auch, dass er trotz jahrelanger Kriegserfahrung eine sehr freundliche und warmherzige Stimme hat.
 
Am Nachmittag haben wir dann zum ersten Mal die Computer ausgepackt und das Schnittprogramm ausprobiert: „Audacity“ (Übersetzungsvorschläge waren „Hörstadt“, „Raus aus der Stadt“ und - offiziell richtig - „Kühnheit“). Die ersten Interviews sind bereits importiert - ab Montag werden wir Geschichten schneiden.

Tag 5 // Montag, den 30.10.2017
geschrieben von Julia Illmer

Warum es im Libanon Krieg gab, fragt Fatima ihren Vater. Er weiß es selbst nicht, sagt er. Doch es war das Schlimmste, was ihm in seinem Leben passiert ist. Neben Fatima haben auch Baraa und Damon heute Interviews dabei, die wir uns in der Gruppe anhören. Anschließend verschwinden alle wieder unter ihren Kopfhörern und schneiden weiter. Heute besuchen uns auch zwei alte Teilnehmer: Ayman und Abdallah. Cora und Laura sind neugierig und interviewen die beiden zu ihren Lebensgeschichten.

Tag 6 // Dienstag, den 31.10.2017
geschrieben von Julia Illmer

Während der letzten Tage haben wir viele Geschichten in unseren Familien gesammelt. Sie handeln vom Aufwachsen in Neukölln, vom Krieg im Libanon oder vom Urlaub in Spanien. Heute haben wir uns gefragt, was diese Geschichten mit dem Hier und Jetzt in Kreuzberg zu tun. Wir sind gemeinsam durch Kreuzberg spaziert und haben nach Orten gesucht, die besonders gut zu den Interviews passen.
Am Ende des Tages haben alle zufrieden ihre Laptops zugeklappt. Jeder hat nun die besten zwei Minuten aus seinem Interview herausgeschnitten.

Tag 7 // Mittwoch, den 1.11.2017
geschrieben von Massimo Maio

Was kann man mit fertig geschnittenen Interviews und Hörspielen eigentlich alles anfangen? Heute haben wir unsere Audiowerkstatt für einen Tag verlassen und sind auf Hör- und Stadterkundungstour gegangen.
 
Am Potsdamer Platz haben wir uns ein Hörspiel zum Mitlaufen angehört, einen Audiowalk. Wir haben Kopfhörer aufgesetzt und haben einer Geschichte gelauscht, die am Potsdamer Platz spielt. Die Menschen im Einkaufszentrum wurden zu Figuren in unserer Geschichte, aus den ganz normalen Alltagsgeräusche wurden wichtige Details.
 
Wir haben den Potsdamer Platz ganz neu entdeckt, nur durch das Hören eines passenden Audiowalks. Was wird wohl mit Kreuzberg passieren, wenn wir dort unsere eigenen Audiogeschichten hören? Das werden wir morgen bei unserer Premiere der Kreuzberger Schichten erfahren! 

Tag 8 // Donnerstag, den 2.11.2017
geschrieben von Julia Illmer

Heute verpassen wir unseren Interviews im Tonstudio den letzten Feinschliff. Wir filtern störende Hintergrundgeräusche heraus, kürzen zu lange Pausen und jeder spricht einen Satz im Tonstudio ein. Jetzt heißt es nur noch warten, bis unsere Gäste zur Premiere kommen.

Um 17 Uhr sind alle da – unser Audiowalk beginnt. Wir laufen gemeinsam durch den Kiez rund um unseren Projektraum und hören an verschiedenen Orten unsere Interviews: Die Geschichte von Damons Stiefvater, der Security-Fachkraft ist, vor einer bewachten Flüchtlingsunterkunft, die Geschichte von Fatimas Vater über den Krieg im Libanon vor einer zerstörten Wand.

Den Audiowalk zum Nachhören gibt es auf der Soundmap unseres Partners Radio Aporee.
Link: aporee.org/mfm/web/

Kreuzberger Schichten wird im Rahmen des Programmes Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von MeinLand - Zeit für Zukunft von der Türkischen Gemeinde in Deutschland.

Förderer und Kooperationen: