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Mein Kiez, meine Spuren

Ausgestattet mit Aufnahmegeräten erforschen Jugendliche das Leben am Alexanderplatz. Der Ort ist für sie selbst und viele ihrer Interviewpartner einer ihrer Lebensmittelpunkte. Einige von ihnen leben dort. Mit der Hilfe unserer Sound-Kollegen Julia Illmer und Massimo Maio lernen die Jugendlichen, Interviews zu führen, aufzunehmen und mit einem Schnittprogramm zu bearbeiten.

Idee: Julia Illmer
Konzept und Realisation: Julia Illmer und Massimo Maio

Tag 1 / Freitag, 7. August

geschrieben von Massimo 

Erster Workshop-Tag am Haus der Statistik. Der JARA-Container (JugendAktionsRaum am Alexanderplatz) ist bei der Hitze fast leer, nur zwei tief schlafende Jungs liegen auf den Sofas. Vor dem Container kommen im Laufe des Nachmittags immer mehr Jugendliche zusammen, setzen sich in den Schatten, drehen Zigaretten, unterhalten sich. Einige von ihnen leben schon lange auf der Straße, andere haben einen Wohnsitz, verbringen aber sehr viel Zeit am Alexanderplatz. 

Die meisten sind hier sind befreundet, aber sie haben dennoch Fragen aneinander. Jessi möchte z.B. von Max, der seit drei Jahren auf der Straße lebt, wissen, was das schlimmste ist, was ihm als Obdachloser je passiert ist. Max antwortet, dass er im Schlaf mal mit einem Holzbrett verprügelt worden ist. Und das Schönste? Wenn er von fremden Obdachlosen eingeladen wird, teil ihrer Gruppe zu werden und nicht mehr alleine schlafen muss. So entstehen die ersten Aufnahmen über das Leben am Alex.

Tag 2 / Freitag, 14. August

geschrieben von Massimo

Brian fragt heute gleich zu Beginn nach einem Mikrofon. Er hat als Obdachloser bisher immer nur Interviews gegeben, z.B. für einen Beitrag von Spiegel TV, wie er uns erzählt. Heute will er selbst Interviews führen. Er sucht sich Robin und Schlumpf aus, die beide fest zur Clique der Straßenjugendlichen am Alex gehören. Auf die Frage, was genau dieser Ort für sie bedeutet, antwortet Schlumpf:

„Ich habe gemerkt, dass man am Alex kleben bleibt und nicht mehr davon weg 

kommt. Ich kann mir kein Leben mehr vorstellen, ohne dass ich am Alex sein werde.“

Robin ergänzt: 

„Das Ding mit dem Alex ist, dass du ihn gleichzeitig hasst und liebst. Du bekommst all die schlechten Dinge mit, die die Leute hier erleben, was einen ziemlich fertig machen kann. Und gleichzeitig sitzen hier alle deine Freunde.“

Später hören wir einige Interviews an, die im letzten Workshop am Alexanderplatz entstanden sind und stoßen damit eine ziemlich lange Diskussion über das Leben auf der Straße an.


Tag 3 / Freitag, 21. August 2020

geschrieben von Julia

Es regnet. Türke hat es sich für das Interview mit seinem Hund auf einer überdachten Hollywood-Schaukel bequem gemacht. Hier am Jara ist er einer der ältesten. Er kennt das Leben auf der Straße gut, war selbst drei Jahre obdachlos – und hat Menschen getroffen, die ihm geholfen haben, ein anderes Leben zu führen. Jetzt möchte er Jugendliche unterstützen, die am Alex leben. Er erklärt ihnen, an welche Sozialarbeiter*innen sie sich wenden können. Das schlimmste ist es, auf Drogen klatschen zu bleiben, sagt er. Davor will er seine Schützlinge bewahren.

Tag 4 / Freitag, 28. August 2020

geschrieben von Julia

Der Alex ist ein Brennpunkt, für den sich immer wieder Medien interessieren. Viele der Jugendlichen vom Jara wurden bereits für Beiträge interviewt. Sie haben vor laufenden Kameras und in Mikrofone von ihrem Leben auf der Straße erzählt. Nicht immer haben sie damit gute Erfahrungen gemacht. Sascha erzählt, dass seine Geschichte falsch dargestellt wurde. Deswegen bleibt das Mikrofon heute aus, als er von seinem Leben erzählt. Vor einem Jahr hat er Russland verlassen und ist nach Berlin gekommen. Er war unzufrieden mit dem politischen System und der Korruption. Ein Jahr lang war er obdachlos. Doch seit einigen Tagen hat er eine eigene Wohnung und bald beginnt seine Ausbildung. Sascha strahlt.

Tag 6 / 9. September 2020

geschrieben von Julia

Eireen war schon beim Workshop im letzten Jahr dabei. Sie fragt sich: Was habe ich damals gedacht? Welche Ziele hatte ich? Gemeinsam hören wir in die Interviews vom letzten Jahr rein. Ausschnitte daraus sind auf der Sound-Map Radio Aporee (LINK: https://aporee.org/mfm/web/) zu hören. Einfach nach „Blume auf Asphalt“ suchen. Eireen hört sich sagen: „Ich muss meinen Arsch bewegen. Es ist mein Traum, mein Leben auf die Kette zu kriegen. Ich muss mein Leben auf die Reihe bekommen“ und sie beginnt zu erzählen, was seitdem in ihrem Leben passiert ist.

 

Tag 7 / 15. September

geschrieben von Massimo

Heute ist es überraschend ruhig am Alex. Der Straßenmusiker Martin, den wir interviewen, vermutet, es liegt am Wetter: 30 Grad Mitte September, das mag einige davon abhalten, den Nachmittag hier zwischen Beton zu verbringen.

Die Ruhe ist eine gute Gelegenheit für uns, die feineren Klänge des Alexanderplatz näher zu untersuchen. Es entstehen Aufnahmen von Skateboardfahrern vor den Wasserkaskaden, von einer Gruppe befreundeter Obdachloser beim Schachspielen unterm schattigen Baum und einige musikalische Aufnahmen und Interviews mit Straßenmusikern.

Martin spielt seinen selbstgebauten Wurzelbass. Im Interview verabschiedet er sich mit den Worten: „Viele sagen ja „bleib gesund!“. Das finde ich sinnlos, weil ich nicht gesund sterben will. Ich sag einfach „Bleib schön!“ Das scheint in seiner rauen und etwas undurchschaubaren Lebenslust ganz gut zum Alexanderplatz zu passen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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