Kiezrekorder 2018 – Audiowerkstatt

In einem zweiwöchigen Medienworkshop entwickeln junge erwachsene Geflüchtete einen Hörspaziergang durch Lichtenberg, den Kiez, in dem sie derzeit leben. Sie interviewen den Lehrer aus der Willkommensklasse, die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft, Spaziergänger im Park und andere für sie interessante Menschen aus ihrer Nachbarschaft. Außerdem erzählen sie in Interviews von ihren eigenen Eindrücken der neuen Nachbarschaft. Aus Gesprächen und eigenen Beschreibungen entwickeln die Teilnehmenden kleine Hörreportagen, die sie zu einem Hörspaziergang durch ihren Kiez verknüpfen.

Die öffentliche Premiere findet am Samstag, den 29. September um 17 Uhr im Jugendklub Tube statt.

Das Projekt Audiowerkstatt wird unterstützt durch das Programm "MeinLand - Zeit für Zukunft – Bündnisse für Bildung" des Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Projekt wird umgesetzt von einem Bündnis aus den Berliner Einrichtungen Expedition Metropolis e.V., Knüpfwerk e.V. und SozDia Berlin GmbH. Das Bündnis ermöglicht jungen geflüchteten Erwachsenen, sich auf mediale und ästhetische Weise mit dem Ort auseinanderzusetzen, wo sie heute leben und plant auch für die nächsten Jahre weitere Projekte in Lichtenberg.

Konzept und Realisation: Julia Illmer und Massimo Maio

Tag 1 / Mittwoch, den 19. September 2018
Geschrieben von Julia Illmer

Heute sitzen wir zum ersten Mal gemeinsam um unseren Tisch im Projektraum des Jugendklubs Tube – mitten in Lichtenberg. Einige Teilnehmer leben hier seit mehreren Jahren, andere erst seit zwei Monaten. In den nächsten Tagen werden wir diesen Teil Berlins besser kennenlernen, indem wir mit anderen Interviews über diesen Ort führen. Wir sammeln erste Ideen: Ali möchte mehr über die Demo vor seiner Flüchtlingsunterkunft neulich herausfinden, Abdullah plant, seinem Klassenlehrer einige Fragen zu stellen und Tufan interessiert sich dafür, was Lichtenberg von den anderen Bezirken unterscheidet. Wir sind gespannt, was unsere Interviewpartner uns erzählen werden!

Tag 2 / Donnerstag, 20. September 2018
Geschrieben von Massimo Maio

Heute haben wir im Büro der AfD in Lichtenberg angerufen. Ali möchte dort gerne ein Interview führen und herausfinden, wie die Partei z.B. zu der fremdenfeindlichen Demo direkt vor seiner Unterkunft steht. Die AfD ist bereit und wird Ali morgen empfangen.
Vorher haben wir uns heute noch mit den Mikrofonen vertraut gemacht und schon erste Interviews mit Passanten auf der Straße geführt. Es ging um das frühere Leben in Lichtenberg, als die Mauer noch stand, um den Einfluss der Geflüchteten auf Lichtenberg heute und um die Frage, wie sicher sich die Menschen im Lichtenberger Verkehr fühlen.
Viele sehr offene Menschen haben wir getroffen - und wir sind gespannt, ob das morgen bei der AfD auch so sein wird.

Tag 3 / Freitag, 21. September 2018
Geschrieben von Massimo Maio
 
Dutzende Fragen haben wir uns heute ausgedacht - jeder über das, was ihn oder sie am meisten interessiert. Glaubst du, dass es in Deutschland Gerechtigkeit gibt? Warum? Was war in Lichtenberg anders, als weniger Flüchtlinge hier waren? Wieso wird in der deutschen Politik so viel über Migration diskutiert?
In einem Punkt waren sich alle einig: Um wirklich gute Interviews zu führen, muss man nicht nur den Zettel mit den Fragen im Blick haben, sondern vor allem die Person, mit der man spricht. Die ersten Interviews haben dieses Prinzip bereits erfüllt. Es sind Gespräche entstanden, die viel mehr Fragen beantworten, als wir uns aufgeschrieben haben. Auch das Interview mit der AfD-Politikerin ist sehr lange geworden - Ali kam am späten Nachmittag zurück. Morgen werden wir es hören. 

Tag 4 / Samstag, 22. September 2018
Geschrieben von Massimo Maio
 
Was denken die Menschen auf der Straße eigentlich über ihren Lichtenberger Kiez? Heute sind wir alle mit Mikrofonen losgezogen und haben Passanten befragt. Tufan ist auf ein älteres Pärchen gestoßen, das schon seit Jahrzehnten hier wohnt und scheinbar alles über die Geschichte des Kiezes wusste. Am Ende haben sie sich für ihre langen, ausführlichen Antworten entschuldigt, doch Tufan hat nach dieser Begegnung richtig gestrahlt. Die Mikrofone sind langsam voll mit unterschiedlichsten Gesprächen und Begegnungen – morgen beginnen wir mit dem Schnitt der Reportagen.

Tag 5 / Sonntag, 23. September 2018
Geschrieben von Julia Illmer

Unser Tag beginnt wie immer mit Hören der neuen Interviews. Ali bringt sein Interview mit Frau Arlt von der AfD mit. Sie haben über Heimatliebe, Angst und die CDU gesprochen. Awin und Kurdistan haben eine Frau auf der Straße interviewt, die findet, dass das Leben zu DDR-Zeiten schöner war. Über Flüchtlinge möchte sie lieber nicht sprechen, sagt sie. Aber dann entsteht doch ein Gespräch darüber. Später fangen wir mit dem Schneiden an. Mit dem Programm Audacity basteln wir kleine Hörstücke aus den besten Stellen unserer Interviews.

Tag 6 / Mittwoch, 26. September 2018
Geschrieben von Julia Illmer

Wieder gibt es neue Interviews. Kurdistan hat mit einem Sozialarbeiter aus ihrer Unterkunft gesprochen, Mikhaeil mit seinen Kollegen aus dem Fahrradladen, wo er eine Ausbildung macht. Wieder verschwinden alle unter ihren Kopfhörern. Sie wollen die spannendsten Minuten aus ihren Interviews raus schneiden. Am frühen Abend muss Tufan los. Er hat noch einen Interviewtermin mit einem Redakteur vom Onlinemagazin Lichtenberg Marzahn +. Eine dreiviertel Stunde reden die beiden miteinander. Wieder im Projektraum erzählt Tufan mit strahlenden Augen von der Begegnung.

www.lichtenbergmarzahnplus.de

Tag 7 / Donnerstag, 27. September 2018
Geschrieben von Kris Limbach

Ein letzter Tag in der "Tube", bevor es morgen ins Studio zur Abmischung geht. Yusuf bringt ein neues Interview mit und wir hören es uns gemeinsam an. Danach verschwinden alle hinter ihren Laptops und die Arbeit beginnt. Tufan hat die schwierige Aufgabe, aus seinem langen Interview von gestern die besten Stellen herauszupicken. Awin bekommt 2 Stücke fertig geschnitten und macht sich schon wieder auf den Weg für ein letztes Interview mit einer Heimleiterin. Am Ende des Tages hören wir nochmal in alle Stücke rein und treffen zusammen eine Auswahl für den Audio Walk am kommenden Samstag. Das ist nicht ganz einfach und manche Aussagen der Interviewten werden kontrovers diskutiert. Alle werden am Ende mit Ihren Stücken fertig, und der Studiotag morgen kann kommen!

Tag 8 / Freitag, 28. September 2018
Geschrieben von Julia Illmer

Wir sind im Tonstudio! Heute ziehen wir mit professioneller Hilfe unsere Hörstücke glatt. Außerdem sprechen wir im Studio noch ein paar Sätze ein. Aus Zanyars Soundcollage zaubern wir ein richtiges Musikstück. Wir sind gespannt, wem wir morgen bei der Premiere unsere Arbeit der letzen zwei Wochen vorspielen werden!

Einladung zur Premiere der Workshopergebnisse 29. September 2018 im Jugendklub TUBE.

Tag 9 Audiowalk Premiere / Samstag, 29. September 2018
Geschrieben von Massimo Maio
 
Heute hat uns halb Lichtenberg gehört. Wir sind mit unserem Lautsprecher durch die Straßen, über die Plätze und den Park gezogen und haben unsere Interviews in den öffentlichen Raum geschallt. Eine unserer Besucherinnen sagte „Es war, als könne man hören, was in den Köpfen der Passanten vor sich geht“.
Ein sehr facettenreiches Bild der Lichtenberger hat sich ergeben: Vom Fahrradaktivisten über die AfD-Politikerin bis hin zu strahlend herzlichen Rentnern sind den Besuchern in unseren Audios begegnet. Und die Gespräche der Interviews haben wir einfach fortgeführt – diesmal ohne Mikrofon, dafür in öffentlicher Runde.

Des Feature "Kiezrekorder 2018" wird nach Projektende zum Nachhören auf die Soundmap unseres Partners Radio Aporee gestellt.
Link: aporee.org/mfm/web/

Kiezrekorder 2018 wird im Rahmen des Programmes Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von MeinLand - Zeit für Zukunft von der Türkischen Gemeinde in Deutschland.

Förderer und Kooperationen: