Kreuzberger Schichten

Kreuzberger Schichten

Hörspaziergang

Ausgestattet mit Mikrofon gehen Jugendliche auf die Suche nach ihren Familiengeschichten. Was haben die Großeltern als Jugendliche gemacht? Wo sind die Eltern mit ihren Freunden abgehangen? Ein Hörspaziergang durch Kreuzberger Heimatschichten.

Ausgestattet mit Aufnahmegeräten, erforschen Schüler der Hector-Peterson-Oberschule auch in diesem Jahr wieder die Geschichten ihrer Familien. Mit der Hilfe unserer Sound-Kollegen Julia Illmer und Massimo Maio lernen sie, Interviews zu führen, aufzunehmen und mit einem Schnittprogramm zu bear- beiten. Bei den Interviews mit Familienangehörigen zu deren früherer Heimat sammeln die Teilnehmer alte Anekdoten und spannende Geschichten. Warum hat sich die Mutter damals eigentlich auf den Weg nach Deutschland gemacht und welche Streiche hat der Bruder den Lehrern in der Schule gespielt?

Bereits im Jahr 2014 fand das Projekt Kreuzberger Schichten statt – umgesetzt von einem Bündnis aus den Berliner Einrichtungen Expedition Metropolis e.V., Knüpfwerk e.V. und Hector-Peterson-Oberschule. Das Bündnis ermöglicht bildungsbenachteiligten Jugendlichen, sich auf mediale und ästhetische Weise mit ihren Familiengeschichten auseinanderzusetzen und plant auch für die nächsten Jahre weitere Projekte in Kreuzberg.

Idee: Julia Illmer
Konzept und Realisation: Julia Illmer und Massimo Maio

Termine: 12. // 13. und 20. bis 25. MÄRZ

Tag 1 // Samstag, 12.03.2016
geschrieben von Massimo Maio

8000km - so schätzten einige der Teilnehmer heute die Entfernung zwischen Berlin und der Türkei, zwischen uns hier und den Onkels und Tanten dort. Wir haben nachgeschaut, es sind nur ca.2500km.
Aber wir haben festgestellt: Würden wir alle Heimatstädte unserer Familien miteinander verbinden, wären wir weit über 8000km lang unterwegs. Von Berlin über Serbien und Italien, die Türkei und Syrien bis in den Jemen. Das ist die Route unserer Familiengeschichten, die wir in den nächsten Tagen durch Interviews näher erkunden wollen.

Vorher haben wir noch einen kleinen Spaziergang durch unser vertrautes Kreuzberg gemacht - und dabei über Kopfhörer verschiedene Stimmen, Musiken und Geräusche gehört. Wie ändert sich der Blick auf die vertraute Stadt, wenn man dabei fremde Geschichten hört? In den nächsten zwei Wochen werden wir darauf einige neue Antworten finden.

Fotos

Tag 2 // Sonntag, 13.03.2016
geschrieben von Julia Illmer

Nicht nur die Teilnehmer, sondern auch Steine scheinen ihren eigenen Charakter zu haben. Gut ein Dutzend Steine lassen wir am Morgen nacheinander auf die Erde fallen und lauschen dem Klang, den sie dabei machen. Wir sortieren sie so, dass sie eine Tonleiter bilden.
Dann sehen wir uns auf Youtube Interviews an und fragen uns anschließend, wen wir in den nächsten Tagen interviewen wollen. Mit dabei ist eine Großmutter aus der Türkei, eine Tante aus Serbien und ein Bruder aus Syrien. Wir überlegen uns gemeinsam die Fragen, die wir diesen Personen stellen wollen. Um die Interview auch aufnehmen zu können, lernen wir zum Schluss noch die Aufnahmegeräte kennen.

Tag 3 // Sonntag, 20.03.2016
geschrieben von Massimo Maio

Der Tag beginnt mit konzentriertem Zuhören, denn die ersten Interviews sind da. Wir hören eine Schwester, die davon erzählt, wie sie ihre alten Freunde in Syrien vermisst und wie wohl sie sich gleichzeitig in Berlin fühlt. Sie ist erst seit drei Monaten in Deutschland und wir alle sind erstaunt, wie fehlerfrei ihre deutsche Aussprache ist.

Am Nachmittag überlegen wir uns neue Fragen. Was war eigentlich die erste Arbeit von Oma, als sie von der Türkei nach Deutschland gekommen ist? Wieso ist sie wieder zurück in die Türkei gezogen? Und was ist der größte Unterschied zwischen Kairo und Berlin?

Die Aufnahmegeräte sind wieder geladen und die Fragen ausgedruckt. Morgen hören wir wieder neue Geschichten.

Tag 4 // Montag, 21.03.2016
geschrieben von Julia Illmer

Osman hat heute nicht nur sehr leckere selbst gebackene Muffins mitgebracht, sondern auch Interviews mit seiner Tante und seiner Großtante. Die Aufnahmen sind auf türkisch und da nur die Hälfte der Teilnehmer sie versteht, übersetzten sie hinterher für die anderen die wichtigsten Antworten. Jetzt wollen wir unsere Interviews im Schnittprogramm Audacity bearbeiten. Nach einer Einführung legt jeder an seinem Laptop los und zerlegt die Interviews in spannende kleine Ausschnitte. Wir beenden den Tag mit einem Gespräch darüber, was Heimat eigentlich für uns bedeutet: Welchen Bezug haben wir zu den Orten, von denen unsere Tanten, Großtanten, Väter, Mütter oder Großeltern herkommen?

Tag 5 // Dienstag, 22.03.2016
geschrieben von Massimo Maio

„Wann gehen wir zurück ins Studio?“ fragt Dila in der Mittagspause. Gefühlt ist unser Projektraum schon längst ein Radiostudio, in dem jeder an seinem Schnittplatz sitzt und sein Interview zurecht feilt. Für die Mittagspause haben wir unsere Kopfhörerwelt heute aber verlassen und einen Spaziergang durch den Kiez gemacht. Gibt es Orte, an denen es besonders spannend wäre, mein Interview zu hören? Mit dieser Frage im Kopf sind wir durch die Straßen gelaufen und haben uns verschiedene Ecken gemerkt: Ein alter Hauseingang passt zu einem Interview zum Thema Armut, der Kanal zur Fluchtgeschichte übers Mittelmeer oder das Restaurant Grillhaus zur Kochleidenschaft der Tante. Die ersten Ideen also für unseren Hörspaziergang am Freitag.

Tag 6 // Mittwoch, 23.03.2016
geschrieben von Julia Illmer

Heute morgen erfahren wir durch Dilas Interview, wie ihre Oma damals nach Deutschland kam, um bei Mercedes in der Montage anzufangen. Auf der Aufnahme ist im Hintergrund der Fernseher zu hören und wie jemand genüsslich Sonnenblumenkerne knackt. Später ist es auch Dila, der einfällt, dass ja heute Mittwoch, also Manti-Tag beim Orient-Eck am Kottbusser Tor ist. Guter Tipp! Der Imbiss-Verkäufer wünscht uns zum Abschied ein "Frohes Fest!", doch bei uns stehen erstmal noch zwei Projekttage an. Bis zum Nachmittag haben alle Teilnehmer geschafft, zwei bis drei kurze Ausschnitte aus ihren Interviews herauszuschneiden und als Wav.-Dateien zu exportieren.

Tag 7 // Donnerstag, 24.03.2016
geschrieben von Massimo

Noch ein Tag bis zur Premiere unseres Hörspaziergangs. Wir gehen noch mal alle Interviewausschnitte durch und überlegen gemeinsam, wo genau wir die Stücke auf unserer Tour hören wollen. Sobald die Route steht, machen wir einen kleinen Ausflug - nach Mitte, eine Gegend, die kaum jemand aus der Gruppe kennt. Wir erkunden die Straßen rund um den Hackeschen Markt mit Geschichten auf unseren Kopfhörern. Wie sah es hier zur Zeit des Nationalsozialismus aus? Und wie ist es heute für Schüler, die jeden Tag an der Polizei vorbei auf ein umzäuntes jüdisches Gymnasium gehen? Die Audiogeschichten füllen die kalten Straßen mit Leben und inspirieren uns zu immer neuen Fragen. Genau so, wie wir uns das auch morgen bei unserem eigenen Hörspaziergang wünschen.

Tag 8 // Freitag, 25.03.2016
geschrieben von Julia Illmer

Heute geht es darum, unseren Interview-Ausschnitten den letzten Schliff zu verpassen und zu jedem Stück eine Anmoderation einzusprechen. Dazu fahren wir ins Tonstudio und bekommen professionelle Hilfe von unserem Tontechniker Kris Limbach. Am Nachmittag tragen wir auf einem USB-Stick 15 perfekt klingende Stücke zurück in die Ohlauer Straße in unseren Projektraum, wo wir ab 17 Uhr Gäste zu unserer Premiere erwarten. Gemeinsam mit ihnen machen wir einen Spaziergang durch den Kiez und hören an verschiedenen Orten unsere Stücke: Die Worte von Gabrielas Tante zum Thema Armut tönen aus einem Treppeneingang, das Lieblingsrezept von Osmans Tante hören wir vor einem Restaurant und was Abdallah über Frieden zu sagen hat, spielen wir vor dem Anti-Rassismus-Späti in der Reichenberger Straße. Auf der Hollywoodschaukel im Hof von Expedition Metropolis gibt es schließlich noch einen ganz besonderen Bonus-Track: Rihannas "Diamonds in the Sky", gesungen von Gabriela und Nada. Ein sehr schöner Abschluss eines noch schöneren Projektes!

Den Audiowalk zum Nachhören gibt es auf der Soundmap unseres Partners Radio Aporee (Link: http://aporee.org/mfm/web/).

Kreuzberger Schichten wird im Rahmen des Programmes Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von MeinLand - Zeit für Zukunft von der Türkischen Gemeinde in Deutschland.

Förderer und Kooperationen: